Interview
Energieberater

Energieberater Michael Harjes im Interview


Michael Harjes ist öffentlich bestellter Sacherverständiger
(EnEV/ Bauphysik) für das Tischlerhandwerk,
Sachverständiger für Bausanierungen und war
bis 2006 Bundesvorsitzender der Gebäudeenergieberater
Ingenieure Handwerker (GIH).

Ist für alle Hausbesitzer eine Energieberatung sinnvoll oder bezieht sich das in den meisten Fällen auf ältere Häuser? Was ist mit Bauherren, die gerade neu bauen?

Eine Energieberatung ist grundsätzlich sinnvoll und allen Hausbesitzern und auch Bauherren dringend zu empfehlen. Unsere größten Probleme sind gerade die Häuser, die noch nicht so alt sind, die Bauten aus den 80er Jahren. Die sind für den Zukunftsmarkt nicht gut genug, aber noch zu gut, um sie wirtschaftlich vernünftig zu dämmen. Wer heute noch ein EnEV-Standardhaus (Anm. d. Red.: EnEV = Energieeinsparverordnung) baut, der handelt unverantwortlich. Last uns aufhören die Sorgenkinder von Morgen zu bauen. Nach aktuellen Kabinettsbeschlüssen werden die EnEV-Anforderungen 2009 und 2013 um je 30% verschärft. Daher sollten Bauherren von Anfang an mit einem Energieberater zusammenarbeiten, um ihr Haus für morgen zu rüsten.

Wie stellt ein Hauseigentümer fest, dass sein Haus gedämmt werden muss? Sieht man von außen, ob die Dämmung gut ist?

Ohne die entsprechende Berufserfahrung merkt man höchstens an den Heizkosten, dass man was tun muss. Eine dicke Außenwand hat energetisch keine Aussagekraft, denn 2 cm Dämmschicht können genauso dämmen wie 1,05 m Beton.

Woran erkennt man einen energetisch ausgebildeten Handwerker (Initialberater) und woran erkenne ich einen Energieberater?

Ein Initialberater ist vorgebildet und erkennt, wenn energetischer Beratungsbedarf besteht. Es ist wichtig, dass Handwerker sich mit dem Thema auseinandersetzen und immer weiter bilden.
Der Begriff Energieberater ist allgemein nicht geschützt. Allerdings gibt es den geschützten Titel des „Gebäudeenergieberaters HWK“. Diese Berater sind anhand eines bundesweit einheitlichen Lehrplans von der Handwerkskammer ausgebildet. Leider können alle nach Landesrecht bauvorlagenberechtigten Personen Energieausweise ausstellen, also auch Architekten, die nicht in jedem Fall energetisch weitergebildet sind.

Was kostet eine Energieberatung und die Ausstellung eines Energieausweises in etwa?

Es gibt Verbrauchsausweise, die sind nicht das Papier wert, auf dem sie stehen. Relevanter sind Bedarfsausweise als Einstieg. Hier schaut man sich zuerst an, was das Haus verbrauchen sollte und was es tatsächlich verbraucht. Danach erkennt man erst die Schwachstellen. Ein einfacher Bedarfsausweis beginnt bei etwa 300,- Euro, wenn er einigermaßen aussagekräftig sein soll. Wenn Sie diese Kosten in Vergleich setzen zu den Kosten, die Sie über das Jahr für Ihre Energie ausgeben ist das sehr wenig. Wenn Sie dann mehr tun wollen, sollten Sie ein energetisches Gutachten anfordern. Das beginnt bei etwa 700,- Euro und ist wesentlich umfangreicher. Hier werden Maßnahmen empfohlen und direkt die Amortisationskosten kalkuliert.

Wer koordiniert die Durchführung aller Maßnahmen?

Im Idealfall macht das auch der Energieberater. Er sollte die Kompetenz haben, um die Maßnahmen aufeinander abzustimmen und zu überwachen. Entscheidend ist, dass alle Gewerke gründlich und exakt arbeiten und aufeinander abgestimmt sind. Eine 14 cm dicke Dämmschicht, die einen Schlitz von 1 mm Breite und 1 m Länge hat, dämmt genau so viel, wie eine 3 cm dicke Schicht ohne Schlitz. Wenn die Dämmung also nicht exakt erfolgt ist der Dämmeffekt weg. Denn Wärme speichert nicht die Faser des Dämmstoffs, sondern die Luft in der Faser. Sobald da eine Lücke ist, zieht die Luft raus.

Sollte man Heimwerkern also eher davon abraten, selber ihr Haus zu dämmen?

Auf jeden Fall. Deswegen ist der Gesetzgeber davon abgekommen, allein den Kauf des Dämmstoffs zu fördern, sondern er fördert jetzt die Handwerkerrechnung. Alle Arbeiten sollten von Fachbetrieben unter Aufsicht eines Energieberaters durchgeführt werden. Alles andere kann sonst auch den gegenteiligen Effekt haben. Wenn Sie Ritzen in der Dämmung haben können Sie die sonst gleich mit "Blattgold" zumachen, das wäre immer noch günstiger.

Wo finden Sie die häufigsten Schwachstellen? Wo besteht der größte Bedarf?

Energiesanierung muss immer umfassend alle Komponenten berücksichtigen. Wenn Hausbesitzer etwas Gutes tun wollen und Energiesparfenster einsetzen, dann kann das unter Umständen sogar schädlich sein. Vorher hat sich die Feuchtigkeit am Fenster abgesetzt und dann wurde gelüftet. Mit den neuen Fenstern sieht man keine Feuchtigkeit mehr, weil sie sich nicht am Fenster, sondern an der schlechten Wand absetzt. Wenn weniger gelüftet wird, setzt sich die Feuchtigkeit in die Wand, dann dämmt sie noch schlechter und es entsteht Schimmel.
Ebenso bei der Heizung. Einfach eine neue Heizung einsetzen reicht nicht aus. Wenn dann ein paar Jahre später das Haus gedämmt wird oder die Fenster ausgetauscht werden, dann ist die Heizung auf zu großen Verbrauch eingestellt.

Welche Handwerker müssen bei der energetischen Sanierung besonders gut zusammenarbeiten? Wie kann man das unterstützen und überprüfen?

Alle Gewerke müssen perfekt zusammenarbeiten. Und jeder Betrieb muss seine Sache gründlich machen. Das ist wie bei einem Chirurgen. Da erwartet man auch, dass er exakt arbeitet und keinen Fehler macht. Genauso ist es beim energetischen Bauen oder Sanieren. Man sollte den Fachbetrieb gut auswählen, denn kleine Fehler können sonst nachher teuer werden.

Worauf wird man in Zukunft bei der Sanierung noch stärker achten?

Stärkere Beachtung wird die Sommerwärmedämmung bekommen. Es ist ja nicht nur wichtig, dass wir im Winter wenig Energie zum heizen brauchen, sondern auch, dass wir nicht im Sommer die gesparte Energie durch Klimageräte wieder verpulvern. Daher fördert der Staat natürliche Baustoffe. Im Vergleich dämmt eine Holzweichfaserplatte im Winter genau so gut wie eine Mineralwolldämmung. Doch im Sommer ist die Speicherfähigkeit der Dämmung entscheidend. Hier hat eine 18,5 cm dicke Holzweichfaserplatte den gleichen Effekt, wie Sie ihn nur mit einer 81,5 cm dicken Mineralwolldämmung erzielen. Da ist die natürliche Faser klar im Vorteil.